Mit dem letzten Spiel der Gruppenphase gegen Costa Rica scheidet Deutschland schon in der Vorrunde aus dem Fußball-WM-Turnier 2022 in Katar aus. Es hatte sich durch die Auftaktniederlage gegen Japan in eine prekäre Situation gebracht, war durch die Niederlage Japans gegen Costa Rica und das eigene Unentschieden gegen Spanien noch einmal zurückgekommen und traf schließlich am letzten Spieltag der Vorrunde auf ein erwartet schwaches Costa Rica. Der eigentliche Kampf an diesem Abend wurde jedoch nicht mit Costa Rica, sondern in einem packenden Fernduell mit Spanien ausgetragen, ein Duell, das es strategisch in sich hatte und am Ende für Deutschland nicht zu gewinnen war.
Inhaltsverzeichnis
Vor dem Spieltag: Das Fernduell zeichnet sich ab
Versetzen wir uns in die Ausgangslage kurz vor dem dritten Spieltag der Gruppe E der Fußball-WM. Deutschland liegt mit einem Punkt aus dem Spanien-Spiel auf dem letzten Tabellenplatz, hat aber durchaus Chancen auf ein Weiterkommen:

Im Detail benötigt Deutschland im letzten Gruppenspiel gegen Costa Rica
- einen sehr hohen Sieg (mindestens 7 Tore Differenz1Bei Sieg oder Unentschieden Spaniens wird man hinter Spanien Zweiter. Bei einer Niederlage Spaniens kämpft man mit Spanien um Platz 2. Die Tordifferenz wäre dann schon einmal mindestens so gut wie die von Spanien. Im Fall gleicher Tordifferenz sollte man mehr Tore geschossen haben oder auf die Fairplay-Wertung hoffen.)
- einen Sieg mit zwei Toren Differenz bei einem gleichzeitigen Unentschieden in der Parallelpartie Spanien gegen Japan
- einen (auch nur knappen) Sieg (ein Tor reicht) bei einem gleichzeitigen Sieg Spaniens gegen Japan
Aus eigener Kraft hilft nur der sehr hohe Sieg, ansonsten ist man auf die Kooperation und das Können Spaniens angewiesen.
Strategische Überlegungen
Für Deutschland geht es dabei allein um das Weiterkommen. Bei einem sehr hohen Sieg und einer Niederlage Spaniens ist zwar theoretisch auch der erste Platz in der Gruppe drin, der zweite ist aber viel wahrscheinlicher und … auch viel attraktiver. Denn die erwarteten Gegner auf dem Weg ins Halbfinale erscheinen mit Marokko und Portugal / Schweiz deutlich weniger furchteinflößend als Kroatien und Brasilien / Süd-Korea. Vor allem die Vermeidung von Brasilien als Viertelfinalgegner lässt den zweiten Platz attraktiv erscheinen, nicht nur für Deutschland, sondern auch für Spanien.
Im Gegensatz zu Deutschland hat Spanien aber alle Hebel in der Hand. Wenn sich kein Kantersieg Deutschlands gegen Costa Rica abzeichnet, kann man getrost gegen Japan verlieren und erringt dann den attraktiven zweiten Platz – hinter Japan. Und ganz nebenbei schaltet man auch noch Deutschland, das zwar nicht in Topform ist, aber immer für einen Titel gut ist, als Mitfavoriten aus.
Aus der Strategie Spaniens lässt sich also die optimale Gegenstrategie Deutschlands ableiten. Plan A muss sein, Costa Rica sehr hoch zu schlagen, um aus eigener Kraft das Achtelfinale zu erreichen. Dabei muss gar nicht wirklich ein 8:0 herauskommen. Es reicht vollkommen aus, den Spaniern glaubhaft zu machen, dass ein 8:0 wahrscheinlich oder zumindest nicht unwahrscheinlich ist. Und das war es tatsächlich:
Spielverlauf
Spielauftakt nach Maß
Nach dem 1:0 durch Serge Gnabry in der 10. Spielminute mussten die Spanier auf alles gefasst sein. Plump hochgerechnet auf die komplette Spielzeit von 90 Minuten plus Nachspielzeit (am Ende waren es eine Minute für die erste Halbzeit und 11 Minuten für die zweite Halbzeit) ergäbe sich ein 10:0. Will man nicht annehmen, dass deutsche Tore exakt alle 11 Minuten fallen und Costa Rica gar keine Tore schießen kann, muss man simulieren. Im Folgenden werden alle Spielstände und Wahrscheinlichkeiten auf überschlägigen Trefferquoten mit Hilfe von zeitkonstanten und unkorrelierten Poisson-Verteilungen simuliert.
So kann man für das restliche Spiel für Deutschland eine Trefferquote von einem Tor in 11 Minuten und für Costa Rica eine Trefferquote von einem Tor in 97 Minuten annehmen. Letzteres ist entlehnt aus dem Spiel Costa Rica gegen Japan, das Costa Rica 1:0 gewann. Damit kommt man in ungefähr 65% der Fälle zu einem für Deutschland positiven Ergebnis.
Im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit ließ die Effektivität und Effizienz des deutschen Angriffs deutlich nach. Nach Chancen hätte es lange 4:0 oder 5:0 stehen können. Dann wäre man, wie Hansi Flick nach dem Spiel zu Protokoll gab, „im Plan“ gewesen. Mehr als das: Die Wahrscheinlichkeit für einen Sieg, mit dem man auch bei einer spanischen Niederlage weiter käme, stiege schon bei einem 4:0 zur Pause auf 77%, bei einem 5:0 sogar auf fast 90%. Nicht eingerechnet ist hier der disziplinierende Effekt auf die Spanier, die ja bei eigener Niederlage gegen Japan in so einem Szenario draußen wären und deshalb alles geben müssten, um mindestens mal ein Unentschieden rauszuholen.
Ernüchterung zum Ende der ersten Halbzeit
Leider stand es aber zur Halbzeit eben nur 1:0. Damit fiel auch die Erfolgswahrscheinlichkeit für einen Sieg in ausreichender Höhe dramatisch auf unter 1%. Und mehr als das: In der spanischen Kabine wird thematisiert worden sein, dass die Deutschen es wohl nicht mehr auf 8 Tore bringen würden. Man wird auch vernommen haben, dass Costa Rica gegen die wacklige deutsche Abwehr seine Chancen hatte und in der zweiten Halbzeit durchaus auch mal ein Tor schießen könnte. Jetzt hätte es für Spanien sogar Vorteile gegen Japan zu verlieren. Japan wäre Erster, Spanien träfe als Zweiter auf das leichtere Programm in der KO-Phase und Deutschland hätte man daneben quasi en passant ausgeschaltet.
Schock zu Beginn der zweiten Halbzeit
Kein Wunder, dass gleich nach der Halbzeit die Tore von Doan (48. Minute) und Tanaka (51. Minute) für Japan fielen. Der Kicker schreibt online: „Der hohe Favorit Spanien hat zunächst harmlosen Japanern in einer schlafmützigen Phase nach der Pause zwei Tore … gegönnt.“
Plan B für die deutsche Auswahl
Schon in der Halbzeitpause, spätestens aber mit den beiden Japan-Toren musste für Deutschland ein Plan B her. Wenn der sehr hohe Sieg außer Reichweite gerät, ist man auf die Kooperation Spaniens angewiesen. Diese kann man nicht erzwingen. Man kann den Spaniern nur aufzeigen, welches Risiko sie mit einer eigenen Niederlage eingehen. Gewinnt nämlich gleichzeitig Costa Rica gegen Deutschland, steht neben Deutschland auch Spanien mit leeren Händen da.
Die Spanier müssen also glauben, dass Deutschland schwankt und droht umzukippen. Ist das Szenario realistisch genug, werden sie sich anstrengen und bei all ihrer Qualität auch mindestens den Ausgleich schießen. Danach bleibt für Deutschland nur zu hoffen, dass die verbleibende Zeit ausreicht, um bis zum Schlusspfiff einen 2-Tore-Vorsprung herauszuarbeiten.
Wie lässt sich dieser Plan umsetzen? Ich behaupte nicht, dass man sich absichtlich Tore fängt oder zumindest billigend in Kauf nimmt. Um ein desolates Bild abzugeben, reicht einfach nur die defensive Nachlässigkeit oder „Schlafmützigkeit“ aus der ersten Halbzeit oder dem Spiel gegen Japan. Spätestens nach dem Tor von Tejeda (58‘) und dem Eigentor von Neuer (70‘) muss Spanien eine mögliche deutsche Niederlage auf dem Schirm gehabt haben.
Rückstand aufgeholt und doch ausgeschieden
Zu lange jedoch konnte und durfte der deutsche Rückstand nicht auf die Spanier wirken, denn schließlich galt es, bis zum Schlusspfiff noch drei Tore aufzuholen. Havertz (73‘ und 85‘) startete die Aufholjagd und Füllkrug (89‘) brachte schließlich den 2-Tore-Vorsprung. Auch Spanien versuchte den Ausgleich herzustellen, war aber am Ende nicht traurig darüber, doch nur Zweiter geworden zu sein.

Zur medialen Verarbeitung der Situation empfehlen wir auch den Artikel “Christoph Kramer und die 99 Prozent“.
Die Fußball-Geschichte kennt viele weitere interessante strategische Konstellationen, einen subjektive Auswahl davon zeigen wir im Artikel zu Turnierstrategie.