Handball-Europameisterschaft: Lehren zum Turnier-Modus aus der EM 2024?

In den beiden Hauptgruppen der Handball-Europameisterschaft 2024 hatten sich die Gruppenersten und -zweiten am letzten Spieltag schonen können, da für sie kaum noch etwas auf dem Spiel stand. Sie konnten dann mit B-Teams auflaufen oder einfach deutlich weniger engagiert spielen, wodurch letztlich der Wettbewerb verzerrt wurde. So konnte beispielsweise Slowenien mit einem Sieg über das bereits qualifizierte Dänemark noch das Spiel um den fünften Platz erreichen. Ein Erfolg, der vermutlich eher den Portugiesen gebührte.

kicker-Kritik zum Turnier-Modus bei der Handball-Europameisterschaft

Kicker-Reporter Maximilian Schmidt meint daher in einem Video zur Handball-EM 2024 in Deutschland auf der kicker-Plattform, der EM-Modus gehöre definitiv hinterfragt. Schmidt schlägt vor, sich an der Handball-Weltmeisterschaft zu orientieren. Dort folgte 2023 auf die Haupt- oder auch Zwischenrunde erst einmal ein Viertelfinale. Eine längere KO-Phase schränkt sicherlich die Möglichkeiten des Taktierens ein und ist daher aus Gründen der Fairness zu begrüßen.

Leider ist dieser Vorschlag nicht unbedingt zielführend, da sich die Weltmeisterschaft von der Europameisterschaft durch ein größeres Teilnehmerfeld (32 statt 24 Mannschaften) unterscheidet. Das macht es einfacher, ein Viertelfinale mit 8 Mannschaften zu bestücken. Bei 24 Mannschaften kommt es zwangsläufig zu Friktionen beim Übergang zwischen Vor- und Hauptrunde und / oder zwischen Haupt- und Finalrunde. An irgendeiner Stelle muss man als Organisator eine Kröte schlucken.

Zwischenrunde mit Gruppen à 3 Mannschaften

In der Vorrunde würden sich jeweils 2 Teams pro Gruppe qualifizieren. Diese 12 Teams würden in vier Dreiergruppen gegeneinander antreten. Es würden sich die jeweils ersten 2 in diesen Dreiergruppen qualifizieren. Gruppen ungerader Größen öffnen der Manipulation jedoch Tür und Tor: Am letzten Spieltag müsste womöglich eine Mannschaft zuschauen, wie die anderen beiden die Qualifikationsplätze untereinander ausmachen.

Zwischenrunde mit Gruppen à 6 Mannschaften

Zwei Gruppen

Nimmt man die Viertelfinalisten aus zwei Hauptgruppen à 6 Mannschaften, so würden sich pro Hauptgruppe die ersten 4 qualifizieren. Die könnten dann über Kreuz in 4 KO-Spielen gegeneinander antreten (A1-B4, A2-B3, A3-B2 und A4-B1).

Qualifizieren sich allerdings 4 von 6 Teams einer Gruppe, ist die Spannung schnell raus. Gewinnt eine Mannschaft die ersten 2 von 5 Spielen, ist sie quasi durch. Dies gilt umso mehr als vielleicht Spiele aus der Vorrunde angerechnet werden. So werden im aktuellen EM-Modus ein, im aktuellen WM-Modus zwei Spiele aus der Vorrunde angerechnet. Mannschaften, die in der Vorrunde vorgelegt haben, könnten also im Prinzip die Hauptrunde im Schonmodus absolvieren. Im schlimmsten Fall verzerrt das das Gruppengefüge deutlich. Underdogs, die spät in der Gruppenphase gegen starke Mannschaften antreten müssen, könnten unberechtigterweise profitieren.

Vier Gruppen

Besteht das Teilnehmerfeld insgesamt nur aus 24 Mannschaften wie bei der Handball-EM, würde die komplette Vorrunde entfallen, da für alle Mannschaften bereits Plätze in der Hauptrunde existieren. Eine filternde Wirkung einer Vorrunde ist allerdings gewünscht.

Außerdem haben Sechser-Gruppen (allgemein große Gruppen) entscheidende Nachteile. Es ist eine große Anzahl an Spielen (hier: 15 pro Gruppe) zu absolvieren. Das ist selbst dann viel, wenn man je ein (bestehender Handball-EM-Modus) oder je zwei Spiele (bestehender Handball-WM-Modus) aus der Vorrunde anrechnet. Viel gravierender ist, dass sich gute Teams schnell nach oben absetzen können.

Das lässt sich auch theoretisch mit Zahlen unterlegen. In einer Gruppe mit 6 gleichstarken Teams, die alle mit je 45% gewinnen oder verlieren sowie mit 10% unentschieden spielen, kann die Wahrscheinlichkeit dafür berechnet werden, dass der Gruppenerste bzw. -zweite bereits vor dem letzten Spieltag qualifiziert ist.

So hat nach dem vorletzten Spieltag der Gruppenerste mit über 35% Wahrscheinlichkeit 3 oder mehr Punkte Vorsprung und ist damit sicher durch. In weiteren knapp 38% der Fälle sind es genau 2 Punkte Vorsprung, was bei gutem Torverhältnis ebenfalls ausreichen sollte.

Selbst für den Gruppenzweiten sind die Wahrscheinlichkeiten mit über 3% und über 32% noch sehr hoch.

Handball-Europameisterschaft: Theoretischer Punktvorsprung des Ersten gegenüber dem Dritten vor dem letzten Spieltag bei einer Hauptgruppe mit 6 gleich starken Teams
Theoretischer Punktvorsprung des Ersten gegenüber dem Dritten vor dem letzten Spieltag bei einer Sechsergruppe mit gleich starken Teams
Handball-Europameisterschaft: Theoretischer Punktvorsprung des Zweiten gegenüber dem Dritten vor dem letzten Spieltag bei einer Hauptgruppe mit 6 gleich starken Teams
Theoretischer Punktvorsprung des Zweiten gegenüber dem Dritten vor dem letzten Spieltag bei einer Hauptgruppe mit 6 gleich starken Teams

Nun sind die Mannschaften einer Gruppe i.d.R. nicht gleich stark. Z.B. bestand zwischen Dänemark und den Niederlanden (39:27) bei der EM 2024 ein deutlicher Leistungsunterschied. Diese Leistungsunterschiede führen allerdings dazu, dass sich die Wahrscheinlichkeit großer Vorsprünge eher noch erhöht.

Zwischenrunde mit Gruppen à 5 Mannschaften

Hauptgruppen à 5 Mannschaften sind sehr kompliziert zu bestücken, denn wie wählt man 10, 15 oder 20 Mannschaften aus 24 Mannschaften in 6 Gruppen aus? Außerdem sind sie schon recht groß, ohne dass man die Möglichkeit hätte, für jede Mannschaft gleich viele Spiele aus der Vorrunde anzurechnen. Das hängt einfach damit zusammen, dass sich nicht aus jeder Gruppe gleich viele Mannschaften für die Hauptrunde qualifizieren können. Und letztlich hat man wie bei Dreiergruppen das Thema, dass immer eine Mannschaft am letzten Spieltag zum Zuschauen verdammt ist.

Faktisch scheiden damit Hauptgruppen mit 5 Mannschaften aus.

Zwischenrunde mit Gruppen à 4 Mannschaften

Übrig bleiben dann nur noch Hauptgruppen à 4 Mannschaften. Sinnvoll wären vier Hauptgruppen. Dann hätte man 16 Teilnehmer in der Hauptrunde.  Besteht das Teilnehmerfeld wie in unserem Fall insgesamt nur aus 24 Mannschaften, würden sich z.B. Erster und Zweiter jeder Gruppe und die 4 „besten“ Gruppendritten für die Hauptrunde qualifizieren. Auch das ist nicht optimal wie wir im Beitrag „Handball-EM 2024: Warum gibt es eine Zwischenrunde?“ darlegen.

Jede Lösung, die sich nicht ausschließlich an Platzierungen in den Vorgruppen orientiert, benötigt weitere Shoot-Outs (z.B. unter den Gruppendritten oder unter den Gruppendritten und -vierten). Damit sind 2, wenn nicht sogar 3 weitere Spieltage verbunden, an denen aber nur ein Teil des Teilnehmerfelds aktiv ist. Für die anderen ergäben sich ggf. längere Pausen, die für den Spannungsbogen schädlich sind.

Problem erkannt, aber Lösung liegt nicht auf der Hand

Will man vom aktuellen EM-Modus mit 2 Sechsergruppen in der Hauptrunde und kurzer Finalrunde mit 2 Spieltagen abweichen, bietet sich am ehesten eine Hauptrunde mit 4 Vierergruppen und anschließender Finalrunde mit Viertel-, Halb- und Finale an. Auch diese Lösung hat ihre Nachteile, scheint aber bei einem Teilnehmerfeld von 24 Mannschaften besser zu sein als die meisten anderen Lösungen.

Wirklich elegante Lösungen gibt es meist nur für Teilnehmerfelder, deren Größe eine Zweierpotenz ist, also aus 2, 4, 8, 16 oder 32 (usw.) Mannschaften besteht. Hier muss der Organisator abwägen, ob die Leistungsdichte im Verband ein aufgestocktes Teilnehmerfeld hergibt.