Turnierstrategie

Ein besonderer Reiz großer internationaler Fußballturniere liegt im Aufeinanderfolgen von Gruppen- und KO-Phase. Aus diesem Zusammenspiel erwachsen ganz besondere Herausforderungen, für die eine Turnierstrategie erforderlich ist.

Unterschiedliche Arten von Turnieren

Im Fußball gibt es verschiedene Arten von Wettbewerben, die in unterschiedlichem Maße auf das KO-Element setzen. Nationale Ligen kommen meist ohne KO-Phase aus, während nationale Pokale meist ohne (oder wenn, dann nur im unterklassigen Bereich) Gruppenphase auskommen. Die Spiele der KO-Phase werden i.d.R. als Einzelspiele durchgeführt, wenn das Turnier auf neutralem Grund stattfindet, ansonsten findet man häufig Hin- und Rückspiele vor.

Klassische Nationenturniere wie Welt- oder Europameisterschaften oder Vereinswettbewerbe wie die Champions League bieten sowohl Gruppen- wie auch KO-Phase. Sie starten mittlerweile meistens mit einer Gruppenphase und werden im KO-Modus beendet. Die Gruppenphase entscheidet dabei nicht nur darüber, wer in die KO-Phase kommt. Auch der Weg zu einem potentiellen Turniersieg wird dabei schon vorgezeichnet. Favoriten werden versuchen, in einen vermeintlich einfachen Turnierast zu kommen. Und Außenseiter können sich als Trittbrettfahrer womöglich das strategische Verhalten der Favoriten zu Nutze machen. Alles in Allem sind die strategischen Optionen in der Gruppenphase weitaus größer als in der KO-Phase.

Die Turnierstrategie deckt den kompletten Turnierverlauf mit Gruppenphase und KO-Phase ab

Strategische Optionen der KO-Phase

In der KO-Phase kann man z.B. spieltaktische Varianten bewusst zurückhalten, um sie zu einem späteren Zeitpunkt einzusetzen. Oder man lässt bestimmte Spieler aussetzen, um sie zu schonen oder einer Gelbsperre vorzubeugen. Auf die potentiellen Gegner hat man selbst keinen Einfluss mehr. Man kann nur versuchen, sich auf die Abfolge potentieller Gegner optimal einzustellen. Mitunter muss man einen Rückgang der Siegwahrscheinlichkeit beim nächsten Gegner in Kauf nehmen, um die Siegwahrscheinlichkeit beim potentiell darauf folgenden Gegner zu erhöhen. Dies kann selbst dann sinnvoll sein, wenn es nicht das Ziel ist, das Turnier zu gewinnen, sondern nur möglichst weit zu kommen. Ein bisschen ähnelt die Situation der Fragestellung, wann der Kandidat bei “Wer wird Millionär?” seine Joker einsetzt.

Strategische Optionen der Gruppenphase

In der Gruppenphase stehen obige taktische Optionen selbstverständlich auch zur Verfügung. In beschränktem Maß hat man hier aber zusätzlich die Möglichkeit, auf potentielle zukünftige Gegner Einfluss zu nehmen. Es kann bewusst offensiver agiert werden, wenn zum Vermeiden bestimmter besonders starker Gegner in der KO-Phase unbedingt der Gruppensieg erforderlich ist. Sind die möglichen weiteren Gegner ungefähr gleich stark oder kann der Ausgang in anderen Gruppen noch nicht abgesehen werden, kann es von Vorteil sein, sich durch eine defensivere Ausrichtung ganz bewusst nur auf den Turnierverbleib zu konzentrieren und die Platzierung zu vernachlässigen.

Besonders interessant ist i.d.R. der letzte Spieltag der Gruppenphase. Hier kann es zu strategisch besonders komplexen Situationen kommen, wenn z.B. noch alle Mannschaften weiterkommen könnten oder eine bereits qualifizierte Mannschaft im Schonmodus auch einem Außenseiter noch ein Weiterkommen ermöglichen könnte.

Historische Gruppenphasen

Ungarn – Deutschland, Gruppe 2, WM 1954

Die Vorrunde bei der Weltmeisterschaft 1954 bestand aus vier Gruppen à vier Mannschaften. Allerdings spielten innerhalb der Gruppen nicht jeder gegen jeden, sondern nur zwei gesetzte Mannschaften gegen zwei ungesetzte. Bei gleicher Punktzahl gab es dann Entscheidungsspiele. In der deutschen Gruppe waren Ungarn und die Türkei gesetzt, Deutschland war neben Südkorea ungesetzt.

Deutschlands Trainer Sepp Herberger gab aus strategischen Überlegungen das Spiel gegen Ungarn verloren und ließ mit einer B-Elf auflaufen, die auch prompt 3:8 verlor. Mit ausgeruhter A-Elf wurde dann im Entscheidungsspiel der Gruppe 2 die Türkei bezwungen. Der B-Elf-Einsatz hatte womöglich einen zweiten positiven Effekt: Im Finale traf die deutsche Mannschaft erneut auf Ungarn, die aufgrund des Spiels aus der Gruppenphase womöglich geneigt waren, die deutsche Mannschaft zu unterschätzen. Deutschland wurde bekannterweise Weltmeister.

Deutschland – Österreich, Gruppe 2, WM 1982

Deutschland und Österreich hatten schon in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1982 aufeinander getroffen, nun traten sie im letzten Spiel der Gruppe 2 an, um sich für die darauffolgende Zwischenrunde zu qualifizieren. Die anderen beiden Mannschaften der Gruppe, Algerien und Chile, hatten bereits am Vortag gespielt. Chile war nach drei Niederlagen ausgeschieden, aber Algerien hatte gute Chancen auf ein Weiterkommen.

Nach einer Auftaktniederlage gegen Algerien stand Deutschland unter Zugzwang. Österreich konnte sich nach zwei Siegen eine knappe Niederlage erlauben, so dass beide Mannschaften bei einem knappen Sieg Deutschlands weiter wären.

Nach dem frühen 1:0 für Deutschland in der 11. Minute stellten dann beide Teams ihre Offensivbemühungen weitestgehend ein. Offensichtlich bestand kein Anreiz mehr, das Ergebnis zu verändern. Es wurde schlichtweg verwaltet. Am Ergebnis änderten auch Pfiffe des Publikums und wütende Proteste der Algerier nichts mehr. Der Imageschaden für beide Teams war jedoch immens. Das Spiel ging als die Schande von Gijón in die Fußball-Analen ein.

Als Konsequenz wurden in folgenden Wettbewerben die letzten Gruppenspiele immer zeitgleich ausgetragen. Aus dem gleichen Grund steht man auch Vorrunden mit Gruppen von nur drei Teams skeptisch gegenüber. Hier könnte die im letzten Spiel nicht beteiligte dritte Mannschaft das Nachsehen haben.

Dänemark – Schweden, Gruppe C, EM 2004

Bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal standen sich am letzten Gruppenspieltag die Mannschaften von Dänemark und Schweden gegenüber. In der gleichen Gruppe traten noch Italien und Bulgarien gegeneinander an. Bulgarien hatte zuvor beide Spiele verloren und war schon vor dem letzten Spieltag chancenlos. Aber Italien rechnete sich nach zwei Unentschieden gegen Dänemark (0:0) und Schweden (1:1) bei einem Sieg sehr gute Chancen auf ein Weiterkommen aus. Dazu sollte es bestenfalls in der Partie Dänemark – Schweden einen Sieger geben. Bei einem Unentschieden zöge der direkte Vergleich. Bei einem 0:0 oder 1:1 wäre Dänemark draußen gewesen, bei einem höheren Unentschieden, z.B. 2:2, hätte Italien das Nachsehen.

Für Dänemark und Schweden hieß das wiederum, möglichst das eigene Spiel zu gewinnen. Wenn das nicht möglich ist, dann am besten ein möglichst hohes Unentschieden zu erzielen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass beide Teams eine offensive Strategie wählten und am Ende tatsächlich ein 2:2 erlangten. Den Mannschaften kann man übrigens nicht vorwerfen, dass sie sich auf ein hohes Unentschieden “geeinigt” hätten. Der Ausgleich für Schweden zum 2:2 fiel erst in der 89. Minute.

Japan – Spanien, Gruppe E, WM 2022

Vor dem letzten Spieltag der Gruppe E hatten tatsächlich noch alle Mannschaften die Möglichkeit, sich für das Achtelfinale zu qualifizieren. Es standen sich Deutschland und Costa Rica sowie Spanien und Japan gegenüber. Das Deutschland gegen Costa Rica gewinnen musste und würde, schien festzustehen. Erwartet wurde auch ein Sieg Spaniens gegen Japan, ohne dass Spanien für ein Weiterkommen zwingend gewinnen müsste (außer, wenn Deutschland haushoch gewinnt). Mehr noch, man konnte mit einer nicht ganz so guten Performance auf den zweiten Platz der Gruppe schielen, der die leichteren KO-Spiele auf dem Weg zum Finale versprach.

Daher hatte Spanien auch die größten strategischen Optionen. Am Ende schieden dann aber beide qualifizierten Teams Japan (1. Platz) und Spanien (2. Platz) im Achtelfinale aus. Auch das ist ein sicherer Weg, ein Treffen auf Brasilien im Viertelfinale zu vermeiden. 😉

Der detaillierten Beschreibung des Verlaufs der strategischen Konstellation am dritten Spieltag der Gruppe E haben wir eine eigene Seite gewidmet.

Analyse der strategischen Situation und Turnierstrategie

Für strategisch knifflige Situationen gibt es noch deutlich mehr Beispiele als die oben angeführten. Die subjektive Auswahl zeigt jedoch, dass man zum Ende der Gruppenphase in Situationen landen kann, in denen noch zwei, drei oder gar vier Mannschaften weiterkommen können. Selbst wenn zwei Mannschaften schon fest qualifiziert sind, kann die Platzierung noch entscheidend für den weiteren Turnierverlauf sein. Womöglich lassen sich über eine gute Platzierung starke Gegner im weiteren Turnierverlauf vermeiden.

Die strategische Konstellation hängt auch entscheidend davon ab, ob es zwei gegeneinander antretende Mannschaften (z.B. Deutschland-Österreich, Dänemark-Schweden oder eingeschränkt Japan-Spanien) gibt, die sich faktisch auf den Gruppenausgang “einigen” können.

Abhängig davon kann man als beteiligtes Team seine Strategie wählen. Neben Kader- und Gegner-spezifischen Themen kommt es hier im Wesentlichen darauf an, die richtige Mischung aus Offensiv- und Defensivkraft zu wählen. Banal ausgedrückt ist das die Abwägung zwischen Stürmer und Abwehrspieler oder zwischen offensivem und defensivem Mittelfeldspieler, zwischen hoch und tief stehender Formation. Diese Mischung sollte man im Hinblick auf die Ergebnisentwicklung im eigenen Spiel sowie im Parallelspiel im Auge behalten und ggf. neu justieren.

Bei erfolgreichem Spiel ist die Basis für einen größeren Erfolg im Turnier gelegt.

Einige weitere Beispiele quantitativer Modelle im Profifußball haben wir auf der Hauptseite aufgeführt.

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